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Vom Land der Erbsenzähler

Es war einmal ein sehr erfolgreiches Königreich, das Land der Dichter, Denker, Erfinder und Unternehmer. Der Hofstaat war klein, und die vielen Ritter, Barone und Grafen waren voll damit beschäftigt, etwas zu unternehmen, nämlich Erbsen anzubauen, zu ernten und zu verkaufen. Die Untertanen waren zwar unten, aber sie taten auch viel. So hatten alle gut zu essen und auch genügend Erbsen für den Tauschhandel mit anderen Königreichen.

Eines Tages setzte ein selbstsüchtiger Hof-Meier, der mehr Macht haben wollte, dem König eine fixe Idee in den Kopf: »Es ist äußerst wichtig, alle Erbsen im Land zu zählen. Dann können Eure Majestät Eure Kollegen richtig neidisch machen, wenn sie ihnen erzählen, wie viele Erbsen in Eurem Reich erzeugt, gegessen, verkauft oder gelagert werden.« Dem König gefiel die Idee. Er wollte gerne das beste Reich besitzen und auch das Steuereintreiben wurde einfacher. Seine Vasallen mussten ein Viertel ihrer Erbsen bei dem Hof-Erbsenzähler abgeben: für den Hofstaat und das Heer.

Die Folgen dieses Gesetzes waren anfänglich erfreulich, später jedoch verheerend. Zuerst gab es in dem Land viele neue Arbeitsplätze. Jedes Fürstentum (heute auch »Unternehmen« genannt) brauchte jetzt eigene Erbsenzähler. Deren Ergebnisse wurden wiederum von vielen königlichen Erbsenzählern überprüft. Als das Schloss nicht mehr genügend Zimmer für all diese Erbsenzähler hatte und der Hofstaat in die Kutscherhäuser ausweichen sollte, gab es eine Palastrevolution, und eine geniale Idee wurde geboren: Es entstand der »königlich beauftragte und vereidigte Erbsenzähler«. Ein neuer Berufsstand war geboren und wuchs und wuchs und wuchs – in allen Königreichen rund um die Erde. Der neue Stand entwickelte eigene Zählweisen und erfand unterschiedliche Erbsenfarben: weiße, graue und schwarze. Von den weißen mussten die Fürsten ein Viertel als Steuern abgeben, von den grauen aber nicht. Sie wurden nur gezählt, um vor den anderen Fürsten zu prahlen, wie viele Erbsen man in Wirklichkeit hatte (heute nennt man das »Handels- bzw Steuerbilanz«). Um weiße oder graue Erbsen in schwarze zu färben, ohne dass es den »königlich beauftragten und vereidigten Erbsenzählern« auffiel, entwickelten die Erbsenzähler der Fürstentümer immer neue Methoden, ebenso für das Bleichen der schwarzen Erbsen.

So kam es zu einem Wettstreit der Erbsenzähler, zunächst rein sportlich, aber dann immer ernsthafter. Es entstand nicht nur eine Vielzahl von Methoden, Theorien, Modellen und Konzepten, die von den königlichen Erbsenzählern in immer mehr und immer komplexere Gesetze und Verordnungen gegossen wurden, sondern auch immer mehr Schulen und sogar Universitäten. Aus dem Erbsenzählen wurde eine Wissenschaft gemacht, weil die Erbsenzähler sich in so viel Komplexität verstrickt hatten, dass keiner mehr durchblickte. Diese von Menschen gemachte Komplexität war jetzt fast so groß wie die Komplexität der Natur. Sie benötigte und rechtfertigte jetzt sogar ein Studium. Eine neue Wissenschaft war geboren.

So wuchs nicht nur die Zahl der Erbsenzähler, sondern auch die Zahl der Berufswege und Berufsgruppen. Bedrohlich wurde dieses Wachstum für das Königreich, als auf jeden Erbsenerzeuger ein Erbsenzähler kam. Die richtige Katastrophe war aber nicht mehr aufzuhalten, als das Erbsenzählen besser bezahlt wurde als das Erbsenerzeugen. Keiner wollte mehr richtig produktiv arbeiten. Eine Hungersnot nach der anderen überrollte das Land. Die Fürsten und auch der König setzten Computer ein, um weniger Erbsenzähler zu benötigen. Aber das Gegenteil trat ein. Erstens brauchte man jetzt neue Erbsenzähler zum Programmieren der Computer. Zweitens machten sich die Fürsten einen Sport daraus, mit viel Computerpower die Erbsen jetzt schneller zu zählen als der König. Und drittens wurde der Computer zur neuen Waffe bei dem Wettkampf um die weißen, grauen und schwarzen Erbsen.

Ist das Königreich schon untergegangen? Sind alle Menschen verhungert? Nein. Unverbesserliche Unternehmer machten sich daran, billige Erbsenbauern zu finden. Sie waren sehr erfolgreich. Sie lassen jetzt die Erbsen billig im Ausland anbauen und ernten. So beschäftigen sie Millionen Arbeitskräfte rund um die Erde, die so viele Erbsen produzieren, dass auch die Erbsenzähler im Königreich davon leben können.

Und sie erfanden noch einen tollen Exportschlager: das Erbsenzählen. Sie fahren jetzt ins Ausland zum Erbsenzählen – gegen gutes Honorar. Sie schulen und trainieren dort die Erbsenzähler – gegen gutes Honorar. Sie übersetzen all die komplexen Gesetze und Verordnungen in fremde Sprachen – gegen gutes Honorar. Und sie gründen internationale Erbsenzähler-Konzerne, die zählen, prüfen, beraten, schulen und die insbesondere die vielen Tricks mit den weißen, grauen und schwarzen Erbsen weitertragen- gegen sehr, sehr gutes Honorar. Das System ist ungeheuer erfolgreich – solange es auf der Welt noch genügend Menschen gibt, die bereit sind, für ganz, ganz wenig Geld ganz viele Erbsen zu produzieren.

Bis dahin machen die Fürsten in den Königreichen einmal im Jahr ein tolles Festival, auf dem sie den anderen Fürsten, aber auch den Journalisten und besonders den Analysten die Zahl ihrer weißen und grauen Erbsen präsentieren (heute heißt das »Bilanz-Pressekonferenz«). Mit vielen bunten Charts, Weltkarten und Computeranimation: Der Tanz um die goldene Erbse.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann zählen sie noch heute.

Quelle:
Das Märchenbuch für Manager. Gute-Nacht-Geschichten für Leitende und Leidende.
Autor: Jürgen Fuchs, Generalbevollmächtigter der PLOENZKE AG
Veröffentlicht nach freundlicher Genehmigung durch die Verlage.
Weitere Information: Buch 2003, 4. Auflage, 256 Seiten, Hardcover, ISBN 3-933180-42-2,F.A.Z.-INSTITUT. FAZ-Hörbuch: 1999, 3 Audio CDs, 188 Minuten, ISBN 3-87820-098-6, Sprecher Rainer Berg, S. Toeche-Mittler Verlag

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